Gibt es den Zufall?

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Thomas
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Gibt es den Zufall?

Beitragvon Thomas » Di Nov 27, 2018 5:06 pm

Gibt es den Zufall? Oder ist das, was wir den Zufalls nennen entweder Wahrscheinlichkeit oder ein Verlegenheitswort, mit dem wir bennen, dass unsere epistemischen Mittel nicht ausreichen, um die Gründe eines Ereignisses zu ...ergründen?

"Gibt es" sei hier die Frage danach, ob der fragliche 'Mechanismus' (also der Zufall) ontologisch zur Ausstattung der Wirklichkeit (wohl besonders in der Natur, aber nicht nur) gehört oder nicht.

"Zufall" sei hier ungefähr so etwas: das Auftreten eines Ereignisses in vollkommener Abwesenheit eines Musters in dem Auftreten von Ereignissen derselben Art.
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Giuliano
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Re: Gibt es den Zufall?

Beitragvon Giuliano » Mi Nov 28, 2018 12:24 am

Ich würde behaupten, dass es erst einmal wichtig wäre zu klären, was überhaupt "vollkommene[] Abwesenheit eines Musters" heißen soll. Die radikale Definition von Zufall wäre ja ein Ereignis, das nicht in das "Ursache-Wirkung"-Schema passt, also unbefleckte Empfängnis o.Ä. Unter die schwache Definition würden denke ich Ereignisse fallen, die zwar im "Ursache-Wirkungszusammenhang" erscheinen, aber eben untypisch oder gar neu sind (ist die Frage warum man das dann noch Zufall nennen sollte, gell?). Letzteres spielt vielleicht mehr auf das an, was Derrida in z.B. "within such limits..." ein Ereignis (événement) nennt, etwas transzendental herbeigeführtes, was in genau dem Moment seiner Verwirklichung sein Ereignischarakter aufgibt, da die Bedingungen der Möglichkeit auch stets die Bedingungen der Unmöglichkeit sind.
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Re: Gibt es den Zufall?

Beitragvon Nikrass » Mi Nov 28, 2018 2:31 pm

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist der oben beschriebene Zufall das Gegenteil von einem Ereignis, dem in irgendeiner Form ein Muster zugrunde liegt, welches das Ereignis vorhersagbar macht. Also so etwas wie eine Gewissheit. Dinge passieren aus Gründen, weswegen man sicher erklären kann, warum zum Beispiel die Blätter von einem Eichenbaum grün sind oder wieso Wasser ab 100C° beginnt zu verdampfen. Demnach müssten zufällige Ereignisse ihren Zufallscharakter dadurch bekommen, dass man die Herleitung dieser Ereignisse nicht genau bestimmen kann. Von daher glaube ich eher, dass in weiten Teilen die Anwendung des Begriffs "Zufall" dadurch geschieht, dass uns Menschen schlichtweg (noch) die Mittel für die Herleitung zufällig erscheinender Ereignisse fehlen.

Wie sieht es aber mit Ereignissen aus, die sich im Vorfeld nie eindeutig bestimmen lassen sondern immer nur in Wahrscheinlichkeiten ausgedrückt werden können wie zum Beispiel in der Soziologie oder Psychologie? Wo es bei der Vorhersage eines Ereignisses immer mehrere Möglichkeiten gibt, die eintreten können? Ich habe dazu eine gewagte Idee, denn ich behaupte, dass zufälligerweise[/ironie?] solche Ereignisse (nicht nur, aber auch) mit mehreren Möglichkeiten immer dann vorkommen, wenn Menschen als Faktor des Zustande kommen des Ereignisses eine Rolle spielen. Dies allein schon aufgrund der Tatsache, dass Menschen sich permanent für oder gegen etwas entscheiden können. Ihnen wohnt also ein Element von Schrödingers Katze inne, ein Element von Willkür, von Spontanität. Also ein Faktor, der erst dann definitiv bestimmt werden kann, wenn ein Ereignis geschehen ist. Kommt ein zufälliges Ereignis also durch willkürliche Faktoren zustande?

Wenn dem so ist, dann würde ich sagen, dass es den Zufall gibt. In der Evolution heißt es, dass Merkmale und letztlich Lebewesen so sind, wie sie sind, weil es zufällig eine Genmutation gegeben hat, die einen natürlichen Vorteil anderen Lebewesen oder Merkmalen gegenüber bringt und diese sich durch Fortpflanzung bewährt. Diese Genmutation liegt dem Faktor zugrunde, dass sich DNA entweder fehlerfrei replizieren lässt oder nicht. Der Zufall hat also dazu beigetragen, dass Bananen gelb sind, Spinnen acht Beine haben und dass irgendein Fisch ans Land gehen und dort überleben konnte. Ich glaube also, dass es so etwas wie Zufall gibt. Allerdings ist das Alltagsverständnis von Zufall fernab von dem ist, was wahrer Zufall ist. In den meisten Fällen erscheint mir dort nämlich der Zufall eher als Unwissenheit über die Umstände eines Ereignisses, als dass ein Ereignis vollständig aus sich selbst entsteht beziehungsweise völlig losgelöst von irgendeinem Kontext passiert.
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